Nach einigen Differenzen zwischen mir und Rainer beschließe ich, mein Praktikum an anderer Stelle in Costa Rica fortzuführen. Für meinen neuen Arbeitsplatz nehme ich den Weg zurück nach San Josè auf mich. Doch der Vorteil einer abgelegenen Bleibe in unberührter Natur wie dem Hotel Paraiso del Cocodrilo kann ganz schnell zum Nachteil werden, wenn man diesen Ort wieder verlassen möchte. Und nicht mehr weg kommt…  

Endstation Exil

Ich schaue mich um. Links von mir: Unbegrenzte Wiesenflächen. Rechts von mir: Beginnender Urwald. An mir vorbei führt eine schmale Straße, auf der seit 10 Minuten kein Auto mehr entlang gefahren ist. In diesem Moment wird mir bewusst, wie überlebenswichtig Handyempfang und Internetverbindung sein können. Leider habe ich letzteres gar nicht und ersteres nur begrenzt. Gegenüber auf der Weide röhrt eine Kuh. Es ist ein langgezogener, wehleidiger Laut und spricht mir direkt aus der Seele. Denn ich bin gestrandet. Mit zwei Koffern sitze ich in einer schäbigen Bushaltestelle und diese Bushaltestelle befindet sich mitten im Nirgendwo. Wie bin ich hier hingekommen? Indem ich weg wollte.

mein neues Zuhause

Zurück nach San Jose

Hier fährt um ein Uhr ein Bus nach San Josè, erklärt mir Rainer und lädt mich und mein Gepäck einige Minuten vorher an einer Haltestelle aus. Das ist auch vollkommen richtig gewesen, nur war dieser Bus leider so überfüllt, dass es keinen Platz mehr für mich und meine Koffer gab. „Der nächste kommt in vier Stunden“, lässt mich sein Fahrer ebenso teilnahmslos wie genervt wissen, bevor er die Tür wieder schließt und schnell weiterbraust. Ich verweile noch einige Sekunden mit offenem Mund meine Koffergriffe links und rechts in der Hand. Nachdem ich aus meiner Schockstarre wieder erwacht bin, setze ich mich erstmal zurück ins Wartehäuschen – meinem neuen Zuhause. Es ist unbequem, heruntergekommen und dreckig. Ich beschließe, hier auf keinen Fall vier Stunden auf den nächsten Bus zu warten. Doch was nun? Es gab in dem Moment nur zwei Personen, die mir vor Ort hätten helfen könnten, und keine davon erreichte ich. Jedenfalls vorerst nicht.

In Barco Quebrado

Ich habe es mir in der Bushaltestelle so wohnlich wie möglich gemacht. Es ist Knabberzeug ausgepackt und mit Rucksack und Jacke ein wenig Komfort auf der Bank geschaffen. Ich esse, lehne mich mit meinem provisorischen Rucksack-Kissen zurück und versuche vergebens, Rainer oder Elena zu kontaktieren. Ab und zu düst ein Moped an mir vorbei. Die Fahrer starren mich allesamt an. Ob es daran liegt, dass ich weiß bin, dass ich alleine in dieser einsamen Bushaltestelle rumliege oder dass ich mit meinem Gepäck aussehe wie bestellt und nicht abgeholt – keine Ahnung. Ich fühle mich einfach nicht wohl in meinem neuen „Zuhause“. Nach etwa einer halben Stunde beschließe ich, von dort auszuziehen. Meine neue Bleibe: Ein Imbiss etwa 20 Meter von der Haltestelle entfernt. Das einzige Zeichen menschlicher Zivilisation in näherer Umgebung. Ich befördere mein „Mobiliar“ bzw. meine beiden Koffer über die teils steinige und verschlammte Straße. Selbst dieser kleine Weg ist schon beschwerlich, was ausschloss, es zu Fuß zurück zum Hotel Paraiso zu machen. Ohne Machete und mit einem Freigepäck von 40 kg auf Plastikrollen statt Geländereifen praktisch aussichtlos. Das fatale daran: Eigentlich trennen mich hier nur 15 Fahrminuten vom Hotel – aber eben offroad durch den Dschungel.

Aus dem Imbiss trällert fröhliche Latinomusik, die ganz und gar nicht meiner Laune entspricht. Mit grimmigem Blick rolle ich meine beiden Koffer neben einen freien Tisch und setze mich.

Koffer eins, Koffer zwei, Rucksack und Jacke

Da ich mich auf eine längere Wartezeit einstelle, ordere ich Limonade und eine Art Costa Ricanische Currywurst mit Pommes, die sogar ganz gut schmeckt.

Die Bedienung ist sehr nett. Weil ich keine Ahnung habe, wo ich mich hier eigentlich befinde, frage ich sie nach dem Namen der Gegend. „Barco Quebrado“ lautet die Antwort, bevor sie mit einem Lächeln wieder hinter dem Tresen verschwindet.

Nach etwa einer Stunde bekomme ich auf meinen Hilferuf sogar eine Antwort von Rainer. Er könne mich nicht abholen, da er bereits drei Stunden von mir entfernt sei. Drei Stunden? Obwohl er mich erst vor 60 Minuten an dieser Bushaltestelle abgesetzt hatte? Wahnsinn. Ich komme nicht umhin, Rainers Fahrstil ein weiteres Mal zu bewundern. Da unser Arbeitsverhältnis beendet ist, ist ihm leider auch egal, was von nun an mit mir geschieht. Ich hake ihn ab und konzentriere mich darauf, Elena zu erreichen. Sie ist praktisch meine Vorgängerin. Arbeitet inzwischen ebenfalls nicht mehr bei Rainer, wohnt aber noch in der Nähe. Und besitzt ein Auto. „Ich stecke in Schwierigkeiten“, lasse ich sie nach einigen vergeblichen Anrufen per SMS wissen. In Kürze schildere ich die Situation und bitte Sie, mich in „Barco Quebrado“ abzuholen. Dann bleibt mir nichts weiter übrig als abzuwarten.

Und wenn sie nicht abgeholt wurde, wartet sie noch heute

im Black Marlin

Die Holzstühle sind auf Dauer unbequem. Ich versuche vergeblich, eine angenehmere Sitzposition zu finden. Es trällert weiterhin übertrieben laute Latino-Musik durch den Imbiss. Ich werde von Mücken zerstochen. Die Hitze macht mich fertig. Die Kleidung klebt. Ich fühle mich sehr elendig. Offenbar ist die Barfrau traurige, ewig wartende Gestalten wie mich gewohnt. Sie sagt nichts dazu, als ich ein Nickerchen mit dem Kopf auf der Tischplatte einlege.  

Zwei Stunden sind vorüber. Von Elena noch keine Reaktion. Da zum Glück mein ganzes Hab und Gut griffbereit neben mir steht, versuche ich, das Beste aus der Situation zu machen und mir anderweitig die Zeit zu vertreiben. Ich schreibe Tagebuch. Ich lackiere mir die Nägel. Ich putze mir Reste der Currywurst aus den Zähnen. Ich dokumentiere die Situation anhand von Bildern. Ich zweifle, bange, hoffe, ich starre immer wieder auf mein Handy. Zweieinhalb Stunden. Im Fernsehen läuft die Costa Ricanische Version von „GZSZ“, die Musik ist aus. Eine willkommene Abwechslung. Ich verstehe nicht viel von den Dialogen, verfolge das Geschehen auf dem Bildschirm dennoch gebannt. Die Barfrau tut es mir gleich. Drei Stunden. Die Serie ist vorbei, es läuft wieder laut Musik. Ich tröste mich mit einer Cola und versuche weiterhin Elena zu erreichen.

Da mir die Ideen ausgehen, beginne ich im gebrochenen Spanisch eine Unterhaltung mit der Barfrau. „Nein, es fährt kein weiterer Bus nach San Josè heute. Das ist nur einmal am Tag.“, antwortet sie mir sinngemäß auf die entsprechende Frage. „Aber der Busfahrer meinte, in vier Stunden kommt der nächste Bus.“ – „Der fährt nicht nach San José. Nur bis Nicoya.“ –„Gracias.“ Ich kehre mit versteinertem Lächeln zu meinem Tisch zurück. Selbst wenn ich – was inzwischen ja realistisch wäre – hier ausharrte und den nächsten Bus um 17:00 Uhr nehmen würde – vorausgesetzt natürlich, dieser würde mich nicht wieder stehen lassen – käme ich damit nur nach Nicoya, wo ich höchstwahrscheinlich die Nacht verbringen müsste. Einer Anwandlung leichter Hysterie ist es zu verdanken, dass ich (anstatt in Tränen auszubrechen) das ganze mittlerweile lustig finde.

es kann nicht schlimmer werden

Die Cola in der Hand lache ich teils leise vor mich, teils wippe und summe ich im Takt zur Latinomusik. Dreieinhalb Stunden.

Die Rettung

Und plötzlich, als ich schon gar nicht mehr damit rechne, ein lautes Vibrieren, das den Eingang einer rettenden SMS ankündigt. „Oh Maike, das tut mir leid! Sitzt du noch da? Soll ich dich abholen?“ Nach 3 Stunden und 40 Minuten, kurz bevor tatsächlich der nächste Bus gekommen wäre, werden ich und meine beiden Koffer von Elena eingesammelt. Ich werde ihr ein Leben lang dafür dankbar sein.

Die gute Nachricht: bei einem erneuten Anlauf am nächsten Morgen – diesmal von einer Haltestelle in Samara aus – hat es geklappt. Ich habe San Josè unbeschadet und mit vollem Gepäck erreicht. Die schlechte: Nun ja, ich habe einen Nachmittag Lebenszeit an einer Bushaltestelle verschwendet.

Im Nachhinein hat das ganze eine gewisse Komik. Was ich aufgrund meiner schlechten Spanischkenntnisse erst zwei Tage später von meinen neuen Arbeitskollegen erfahren habe: „Barco Quebrado“, wo ich für mehrere Stunden unfreiwillig festsaß, bedeutet so viel wie „Schiffsbrüchiger“. Die Bushaltestelle, ein geschichtsträchtiger Ort. Offenbar wurden hier schon viele Tragödien wie diese geschrieben.

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